Lange nichts mehr gehört …

Hey Phil

hast lange nichts mehr von mir gehört. Ehrlich gesagt, das tut mir nicht mal besonders leid. Das Leben ohne deine dauernde Gegenwart ist um Welten besser.

Sorry.

Trotzdem spukst du immer mal wieder in meinem Kopf herum. Kunststück, bei dem grossen Teil an Vergangenheit, den wir teilen. Und obwohl ich ausserordentlich glücklich bin, dass du in meinem Leben nur noch als Erinnerung präsent bist, dachte ich, ich sollte mich mal bei dir bedanken.

Nicht, dass ich es bereue, dich umgebracht zu haben. Sorry. Anders ging es nicht. Aber trotdzem hat mich die Zeit mit dir einiges gelernt. Dinge, die ich heute ohne deine Hilfe niemals könnte.

Du musst zugeben, dass ich meistens in deinem Schatten lebte. Selbst lange bevor wir uns dem Heroin hingaben, warst immer du es, der die Aufmerksamkeit hatte, während ich aus dem Schatten die Geschichten erfinden musste, die du dann grossspurig meiner Mutter und den Lehrern erzähltest. Während du Scheisse bautest, war immer ich es, der die Folgen ausbaden musste. Als Freund und Vertrauter warst du wirklich Scheisse.

Und doch waren wir unzertrennlich. Und doch hast du mich mit deiner grossen Fresse und deiner Sorglosigkeit an Orte und in Situationen gebracht, die ich nicht missen möchte. Auch wenn ich immer den Preis dafür bezahlte.

Lange machte ich mir vor, du seist mein bester Freund. Ich war immer stolz auf dich und wie du Dinge brutal und rücksichtslos erledigen konntest. Erst kurz vor deinem Dahinscheiden konnte ich mir eingestehen, dass es Zeit war, uns zu trennen.

Natürlich wolltest du Scheisskerl nicht verschwinden. Kann ich verstehen. Aber es hiess damals eben: Du oder Ich. Die Ironie ist, dass deine Grosskotzigkeit, deine Rücksichtslosigkeit, deine Arroganz und deine Ignoranz es mir erst ermöglichten, mich von dir zu lösen.

Und du weisst genau, dass es nicht anders ging. Wir hätten keine lockere Freundschaft pflegen können. Du musstest weg. Für gut.

Nun, wie gesagt, in meinem Kopf bist du noch hin und wieder zu Besuch. Deshalb hab ich mich entschlossen, dir zu schreiben, Phil. Natürlich hab ich dich nie „Phil“ genannt. Eher „Philippe“. Und ich muss dir schreiben, da ich nicht weiss, ob du mir sonst zuhörst. Schliesslich kann ich nicht an dein Grab und da Selbstgespräche führen. Geht nicht.

So, dass ist mal der erste Brief. Ich denke, es werden noch einige folgen. Schliesslich haben wir viel zu besprechen. Zum Beispiel, warum du immer meine Spielsachen kaputtgemacht hast. Oder warum du deine eigenen Lügen glauben konntest.

Aber ich muss jetzt los, mein Leben geniessen. Ja, gemein nicht? Ein Leben, das ich ohne dich nicht hätte,und an dem du keinen Anteil haben kannst.

Ich schreib dir morgen wieder.

So long!

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