Scheisslügner

Hallo Phil

Da bin ich wieder. Ich weiss, ich hatte dir für gestern einen Brief versprochen. Aber, shit happens, nicht? Ist ja nicht so, dass du es früher mit deinen Versprechen besonders genau genommen hättest …

Ich könnte dir jetzt erzählen, was mir alles schlimmes widerfahren ist, so dass ich dir deshalb nicht schreiben konnte. Du weisst schon, Hund hat Internet gefressen und ich musste stundenlang rumrennen, um ein neues zu organisieren. Die Geschichten, die du dir immer ausgedacht hast, um die Verantwortung auf jemand anderen abzuschieben. Kannst du dich erinnern, wie oft du irgendeinen Notfall erfunden hast, um irgendwem irgendeinen Scheissdreck aufzutischen?

Es hat mich immer wieder erstaunt, wie glaubwürdig du den hanebüchernsten Bullshit an die Leute bringen konntest. Diese Mischung aus Charme und Pathos, die unser Umfeld dazu brachte, dir auch noch die irrwitzigste Lüge abzunehmen. Grosses Kino.

Wie ich dich in der Bank vorliess, damit du der Dame am Schalter mit grossen Augen eine wahnsinnige Geschichte erzählen konntest, die uns einen weiteren Tausender Kredit einbrachte. Wie du vor unsere Mitbewohnerin hinstandest und mit grossen Augen und empörtem Ton beteuertest, dass wir keine Ahnung hätten, wo denn diese verfluchte Stereoanlage hingekommen sei. Und wenn du den Kerl erwischen würdest, der sie gestohlen hatte …

Ja, ich sehe, du erinnerst dich.

Aber weisst du was? Dass ich deine Lügen anderen gegenüber am Schluss ausbaden musste, ist nicht das, was mich am meisten verletzte. Am meisten schmerzt mich bis heute der Scheissdreck, den du mir erzählt hast.

Wie konntest du mir nur über Jahre weismachen, wir hätten das mit dem Gift im Griff? Wir hätten unsere Sucht, das Heroin, gewählt und kämen ganz gut zurecht? Wie konntest du mir selbst nachts in der psychiatrischen Klinik noch durch die Gitter im Fenster versichern, dass wir es besser wüssten, dass wir süchtig sein wollten.

Du liessest so aussehen, als ob unsere Sucht eine Art nobler Lebensstil wäre. Ich kann mich noch an das ganze Gewäsch erinnern. Wir, die Vampire, die Wesen der Nacht, die anstelle von Blut eben von diesem magischen Opiumderivat lebten. Wir, die Künstler, die wie alle grossen Geister, Kurt Cobain, Hendrix, Glauser und so weiter, weit über der Menschheit stünden, und eben den krass dunklen Pfad erhobenen Hauptes wandelten.

Ok, natürlich war das auch meine Schuld. Ich hab deinen Müll auch bereitwilligst geschluckt. Deine süssen Lügen haben mir einen Rest an Selbstachtung erhalten, den ich sonst wohl nirgends mehr hätte hernehmen können.

Selbst als unsere „Freunde“ wie die Fliegen abkratzten, an HIV, Überdosen, Blutvergiftungen und Autounfällen im Rausch krepierten, hast du mir das als Lifestyle verkauft.

Bis ganz zum Schluss. Bis ich den zerstörten, kaputten Junkie im Spiegel nicht mehr übersehen konnte. Bis mir klar wurde, dass ich, wenn ich dir noch ein Wort glauben würde, tot wäre.

Ja, Phil, du warst ein Scheisslügner. Aber ich muss dir lassen, du warst darin Weltklasse. Virtuos, verführerisch, kreativ. Und vielleicht wärst du wirklich einer dieser grossen Künstler geworden, wenn du deine Kreativität auf Kunst ausgelebt hättest. Aber natürlich wären wir dann beide tot.

Du siehst, ab dem Augenblick, in dem ich dein Wesen, deine Lügen, erkannt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als dich zu töten. Es hiess „Du oder Ich“. Ich kann von Glück reden, dass ich noch genug Kraft hatte, um dir in Notwehr den Garaus zu machen.

Ich bereue nichts. Naja, vielleicht, dass ich dir nicht schon ein paar Jahre früher den Saft abgedreht habe. Aber das war nicht möglich.

So, ich lass dich jetzt wieder da bei deinen toten Freunden. Melde mich. Demnächst. Ich versprechs.

*Augenzwinker*

Dein alter Freund

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