Moralisch bankrott

Hey Kleiner

da bin ich wieder. Werden dir die Briefe langsam zuviel? Plagt dich das Gewissen? Ne, oder? Gewissen ist nicht so deine Sache.

Kannst du dich an die hehren Werte erinnern, die meine Mutter uns immer gepredigt hatte. Von Gerechtigkeit, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl und so? Davon, dass man sich für die Schwachen einsetzt, Freundschaften ehrt und all das Zeugs?

Nicht mehr so genau, gell.

Naja, meine Reise mit dir hat mich zum moralischen Bankrott geführt. Einen kleinen Schritt nach dem anderen.

Ja, ich weiss, zuerst waren es nur die kleinen Dinge. Die Banken und Versicherungen sind eh Verbrecher, die merken nicht mal, wenn man sie bescheisst, die haben so viel Geld (Spoiler: Sie merken es).

Als das Geld dann wirklich knapp wurde, haben wir unsere Freunde „beschützt“, indem wir gross Drogen kauften und ihnen dann den gestreckten Scheiss weitergaben. Ja, ich hör dich noch: „Damit sie sich nicht aus Versehen eine Überdosis setzten.“ My ass.

Überhaupt hast du mir weisgemacht, dass Dealen der einzige ehrbare Weg für einen Süchtigen ist. Weil wir so sicherstellen, dass unsere Kunden nicht diesen Strassendreck kaufen müssten. Ja, hättest mich fast überzeugt. Bis wir selbst diesen Strassendreck konsumieren und weiterverkaufen mussten, um unseren Konsum zu decken.

Ja, oder die Mengen an Koks, die wir geliehen hatten, um damit reich zu werden. Ich kann mich nicht mehr an diese Wochen erinnern. Hat vielleicht damit zu tun, dass wir das Zeug selbst verheizten. Und als unsere Freunde von der Mafia ihr Geld zurückwollten, haben wir aus Angst so ziemlich jeden beschissen und selbst den ärmsten Junkies noch ihr Geld abgenommen, um damit unsere Schulden zu tilgen.

Kannst du dich an unsere Knarre erinnern? Ja, weisst du auch noch, warum wir die hatten? Wir waren Shit-House-paranoid und wollten jeden umnieten, der uns zu nahe kam. Wir hatten einfach ein Scheissglück, dass uns in dieser Zeit niemand vor den Lauf lief. Nicht, dass du nicht auch sowas hättest logisch erklären und die Schuld jemand anderem geben können. So warst du nun mal, alter Freund. Ein Scheisskerl durch und durch.

Stück für Stück hab mich von dir über jeden Anstand hinaus in ein ethisches und moralisches Vakuum führen lassen. Und du hast dafür gesorgt, dass ich noch immer arrogant auf den Rest der Welt blicken konnte. Ich sass in einem Scheisshaufen dachte, ich stünde auf dem Everest.

Nachdem ich dich abgemurkst hatte, stand ich seelisch und psychisch vor dem Ende. Ich musste mein Verhalten und meine Werte von Grund auf neu aufbauen. Ich musste jedes meiner Worte, jede meiner Entscheidungen, jede Handlung aus verschiedenen Blickwinkeln überprüfen, einfach um sicherzustellen, dass du nicht doch noch irgendwie Anteil daran hattest.

Ja, war ne harte Zeit. Und einige wenige Male wünschte ich, du wärst wieder da und würdest mir die Entscheidungen abnehmen. Zum Glück hatte ich Freunde, echte Freunde, die mich unterstützten.

Heute funktioniert mein moralischer Kompass wieder soweit, dass meine Alarmglocken schrillen, wenn ich vom Weg abweiche. Das macht mich zwar auch für andere zu einem unerträglichen ethischen Klugscheisser, aber damit kann ich leben. Solange ICH mich an meine Prinzipien halte, bin ich im grünen Bereich.

So, das ist nun auch raus. Morgen gehts dann um die Freiheit, die du mir genommen hast.

Bussi

Dein alter Freund

 

 

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