Dein Gift und die Freiheit

Hey Phil

Da bin ich wieder. Sorry, ich war ein paar Tage zu beschäftigt für Briefe. Ich hab einen Job, so mit Verantwortung. Ja, eigentlich hab ich sogar eine eigene kleine Firma.

Kannst du dir nicht vorstellen, wa? Früher hatten wir zwar auch meist einen Job, aber Himmel, du hast es meist geschafft, früher oder später einfach nicht mehr aufzukreuzen. Deiner Meinung nach, weil der Chef ein Arschloch war, weil die Firma uns in unserer FREIHEIT einschränkte.

My ass.

Wir haben die Jobs verloren, weil du Scheisse gebaut hast. Immer. Während ich mich geschämt und mich nicht mehr ins Büro getraut habe, hast du grosse Reden von Individualität, Freiheit und son Scheiss gebrabbelt.

Wir hatten keine „Freiheit“. Wir hatten genau einen Boss, und der stammte aus den Mohnfeldern Afghanistans. Er gab grosszügige, aber kurzfristige Belohnungen, und verlangte dafür die absolute Unterwerfung.

Natürlich hatten wir die Freiheit, uns nicht entscheiden zu müssen.

Es gab in unserem Leben einen einzigen kategorischen Imperativ: Das Gift. Es gab keine Wahl. Egal, in welche Richtung ich mich entschied, du steuertest mich nach maximal acht Stunden wieder in die Richtung Gift.

Wir waren Künstler, Autoren, IT-Profis, wir arbeiteten an Projekten, machten Ausbildungen, hatten Teams. Aber immer nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem unser Herr und Meister rief. Dann liessen wir alles stehen und liegen, verliessen unsere Posten, unsere Freunde und Mitarbeiter, um dem Stoff nachzurennen.

Und heute? Ohne dich?

Ehrlich, ich bin ab und zu gestresst. Dank meiner Zeit mit dir bin ich auch nicht mehr so belastbar. Du hast Spuren in meiner Psyche hinterlassen. Aber weisst du, heute kann ich mich jederzeit entscheiden. Ich kann einen Job annehmen, und ihn beenden, oder ich kann ihn ablehnen, weil er mir nicht passt.

Heute bin ich mein eigener Boss. Das heisst, ich muss die Verantwortung für meine Entscheidungen tragen. Aber es sind meine Entscheidungen. Ich bin frei.

Weisst du, deine „Freiheit“ verletzte eigentlich immer die Freiheit der anderen. Du warst ein Sklave, der seine Ketten für krassen Street-Bling hielt und wie groben Goldschmuck um den Hals trug.

Heute ist mein Leben nicht mehr so spektakulär, aber es ist mein Leben.

Denk mal darüber nach, würde ich sagen. Und du würdest mich dann mit irgendwelchem gutformulierten Bullshit vollabern.

Aber du hast halt jetzt einfach keine Redezeit mehr, sorry.

Also, Buddy, bis morgen, beim letzten Brief an dich.

Dein Wegbegleiter

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