Goodbye, alter Junkie

Hey Phil

Da bin ich wieder. Und wir sind beim letzten Brief angekommen. Die letzten sechs Briefe an dich waren ja nicht besonders nett, nicht war? Aber, wie im ersten erwähnt, wollte ich dir ja eigentlich danken.

Es ist jetzt nicht so, dass ich dich irgendwem als Freund empfehlen würde, eher nicht, nein.

Aber ich muss eingestehen, dass ich ohne dich tot wäre – wie so viele meiner Freunde. Du hast mich durch die ganze Schlacht geschleppt. Du wusstest immer einen Ausweg. Und wo ich verzweifelt war, wo ich aufgegeben hätte, fandest du in deiner verdrehten Art immer wieder eine Tür, einen neuen Dreh, der uns aus der Sackgasse führte. Du und dein Leichtsinn, deine Überheblichkeit und dein Mut haben mich in die schlimmsten Situationen, tief in den dunklen Abgrund gebracht. Aber ohne dich hätte ich auch nie den Weg zurückgefunden.

Dein übersteigertes Selbstwertgefühl, deine Arroganz, dein Fokus auf den Augenblick, deine Fantasie und deine Rücksichtslosigkeit haben mich über die Schulter geworfen, und durch Zeiten getragen, in denen ich bereits das Gift für die Überdosis bereit gelegt hatte.

Und du hast mir die Angst genommen. Natürlich habe ich auch heute noch Angst vor anderen Menschen, vor Ablehnung, vor dem Versagen. Ich habe Angst vor Neuem, Angst, nicht zu genügen. Aber ich muss nur einmal zurückdenken, wie meine Zeit mit dir war, und alles andere bekommt plötzlich eine andere Dimension. Ich habe dich überlebt, also werde ich wohl auch alles andere irgendwie bodigen.

Sogar deine ständigen Lügen helfen mir heute. In meinem Job als Kommunikatiönler ist es unbezahlbar, wenn man eine Lüge, eine Unwahrheit oder ein Ausweichen schon auf eine Meile erkennt. Meinen sechsten Sinn für Bullshit habe ich von dir, dem professionellen Bullshitter mitbekommen. Auch hier ein  Danke. Das ist wie eine Superpower.

Und zum Schluss: Dass du mich und mein Leben mit 180 gegen eine Wand gefahren hast, hat mir die einzigartige Chance gegeben, mein Leben bewusst und autonom wieder aufzubauen. Ich hab durch dich gelernt, was es heisst, Verantwortung für mein ganzes Leben zu übernehmen. Viele Menschen, die nicht durch Typen wie dich auf den absoluten Boden der Existenz geschleudert werden, haben nie die Chance aufzuwachen und das Steuer zu übernehmen.

Durch dich muss ich mich jeden Tag bei jeder Entscheidung fragen, ob es die richtige ist. Ich muss mich fragen: Ist es gut für mich? Für eine andere Person? Für die Gemeinschaft? Und solange jede meiner Entscheidungen zwei dieser Kriterien erfüllt, aber nie mehr als zweimal hintereinander die gleichen zwei, bin ich auf einem guten Weg.

Auch hier, herzlichen Dank dafür.

So, eigentlich wär hier dann das Ende. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Es machte Spass, dich abzuspalten und dir mal die Meinung zu sagen. Auch die Grossherzigkeit, mit der ich mich jetzt bedanke, ist ganz cool. Aber, weisst du, das wäre eher dein Style.

Das ehrliche Dampfablassen wirkt sehr authentisch. Aber es ist wieder einer deiner netten Umwege, ein Herauswinden aus der Verantwortung. Du bist natürlich ich. Und diese Briefe wären einen Scheiss wert, wenn ich nicht am Schluss noch eingestehe, dass es kein „Du“ gibt.

Ich hab all den Scheiss gemacht. Ich bin verantwortlich. Für das Üble und für das Gute. Ich kann dir keine Schuld zuweisen. Kein „Du“. Da ist nur ein „Ich“.

Ja, Scheisse, wa?

Aber es ist ok. Solange ich suchtkrank war, und keine Möglichkeit hatte, meine Handlungen zu reflektieren, war meine Verantwortung begrenzt. Erst nach dem Entzug, mit dem Bewusstsein, wer ich war und für was ich geradestehen muss, war ich fähig, diese Verantwortung wahrzunehmen.

Es ist nur fair, dass du und ich vereint den ganzen Scheiss gemeinsam wieder gut machen müssen. Ich bezahle meine Schulden an der Gesellschaft. Und wir helfen uns dabei.

Also, kein böses Blut. Und auf Wiedersehen, mein Freund. Ich treff dich ja jeden Tag in meinem Kopf.

Dein Gift und die Freiheit

Hey Phil

Da bin ich wieder. Sorry, ich war ein paar Tage zu beschäftigt für Briefe. Ich hab einen Job, so mit Verantwortung. Ja, eigentlich hab ich sogar eine eigene kleine Firma.

Kannst du dir nicht vorstellen, wa? Früher hatten wir zwar auch meist einen Job, aber Himmel, du hast es meist geschafft, früher oder später einfach nicht mehr aufzukreuzen. Deiner Meinung nach, weil der Chef ein Arschloch war, weil die Firma uns in unserer FREIHEIT einschränkte.

My ass.

Wir haben die Jobs verloren, weil du Scheisse gebaut hast. Immer. Während ich mich geschämt und mich nicht mehr ins Büro getraut habe, hast du grosse Reden von Individualität, Freiheit und son Scheiss gebrabbelt.

Wir hatten keine „Freiheit“. Wir hatten genau einen Boss, und der stammte aus den Mohnfeldern Afghanistans. Er gab grosszügige, aber kurzfristige Belohnungen, und verlangte dafür die absolute Unterwerfung.

Natürlich hatten wir die Freiheit, uns nicht entscheiden zu müssen.

Es gab in unserem Leben einen einzigen kategorischen Imperativ: Das Gift. Es gab keine Wahl. Egal, in welche Richtung ich mich entschied, du steuertest mich nach maximal acht Stunden wieder in die Richtung Gift.

Wir waren Künstler, Autoren, IT-Profis, wir arbeiteten an Projekten, machten Ausbildungen, hatten Teams. Aber immer nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem unser Herr und Meister rief. Dann liessen wir alles stehen und liegen, verliessen unsere Posten, unsere Freunde und Mitarbeiter, um dem Stoff nachzurennen.

Und heute? Ohne dich?

Ehrlich, ich bin ab und zu gestresst. Dank meiner Zeit mit dir bin ich auch nicht mehr so belastbar. Du hast Spuren in meiner Psyche hinterlassen. Aber weisst du, heute kann ich mich jederzeit entscheiden. Ich kann einen Job annehmen, und ihn beenden, oder ich kann ihn ablehnen, weil er mir nicht passt.

Heute bin ich mein eigener Boss. Das heisst, ich muss die Verantwortung für meine Entscheidungen tragen. Aber es sind meine Entscheidungen. Ich bin frei.

Weisst du, deine „Freiheit“ verletzte eigentlich immer die Freiheit der anderen. Du warst ein Sklave, der seine Ketten für krassen Street-Bling hielt und wie groben Goldschmuck um den Hals trug.

Heute ist mein Leben nicht mehr so spektakulär, aber es ist mein Leben.

Denk mal darüber nach, würde ich sagen. Und du würdest mich dann mit irgendwelchem gutformulierten Bullshit vollabern.

Aber du hast halt jetzt einfach keine Redezeit mehr, sorry.

Also, Buddy, bis morgen, beim letzten Brief an dich.

Dein Wegbegleiter

Moralisch bankrott

Hey Kleiner

da bin ich wieder. Werden dir die Briefe langsam zuviel? Plagt dich das Gewissen? Ne, oder? Gewissen ist nicht so deine Sache.

Kannst du dich an die hehren Werte erinnern, die meine Mutter uns immer gepredigt hatte. Von Gerechtigkeit, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl und so? Davon, dass man sich für die Schwachen einsetzt, Freundschaften ehrt und all das Zeugs?

Nicht mehr so genau, gell.

Naja, meine Reise mit dir hat mich zum moralischen Bankrott geführt. Einen kleinen Schritt nach dem anderen.

Ja, ich weiss, zuerst waren es nur die kleinen Dinge. Die Banken und Versicherungen sind eh Verbrecher, die merken nicht mal, wenn man sie bescheisst, die haben so viel Geld (Spoiler: Sie merken es).

Als das Geld dann wirklich knapp wurde, haben wir unsere Freunde „beschützt“, indem wir gross Drogen kauften und ihnen dann den gestreckten Scheiss weitergaben. Ja, ich hör dich noch: „Damit sie sich nicht aus Versehen eine Überdosis setzten.“ My ass.

Überhaupt hast du mir weisgemacht, dass Dealen der einzige ehrbare Weg für einen Süchtigen ist. Weil wir so sicherstellen, dass unsere Kunden nicht diesen Strassendreck kaufen müssten. Ja, hättest mich fast überzeugt. Bis wir selbst diesen Strassendreck konsumieren und weiterverkaufen mussten, um unseren Konsum zu decken.

Ja, oder die Mengen an Koks, die wir geliehen hatten, um damit reich zu werden. Ich kann mich nicht mehr an diese Wochen erinnern. Hat vielleicht damit zu tun, dass wir das Zeug selbst verheizten. Und als unsere Freunde von der Mafia ihr Geld zurückwollten, haben wir aus Angst so ziemlich jeden beschissen und selbst den ärmsten Junkies noch ihr Geld abgenommen, um damit unsere Schulden zu tilgen.

Kannst du dich an unsere Knarre erinnern? Ja, weisst du auch noch, warum wir die hatten? Wir waren Shit-House-paranoid und wollten jeden umnieten, der uns zu nahe kam. Wir hatten einfach ein Scheissglück, dass uns in dieser Zeit niemand vor den Lauf lief. Nicht, dass du nicht auch sowas hättest logisch erklären und die Schuld jemand anderem geben können. So warst du nun mal, alter Freund. Ein Scheisskerl durch und durch.

Stück für Stück hab mich von dir über jeden Anstand hinaus in ein ethisches und moralisches Vakuum führen lassen. Und du hast dafür gesorgt, dass ich noch immer arrogant auf den Rest der Welt blicken konnte. Ich sass in einem Scheisshaufen dachte, ich stünde auf dem Everest.

Nachdem ich dich abgemurkst hatte, stand ich seelisch und psychisch vor dem Ende. Ich musste mein Verhalten und meine Werte von Grund auf neu aufbauen. Ich musste jedes meiner Worte, jede meiner Entscheidungen, jede Handlung aus verschiedenen Blickwinkeln überprüfen, einfach um sicherzustellen, dass du nicht doch noch irgendwie Anteil daran hattest.

Ja, war ne harte Zeit. Und einige wenige Male wünschte ich, du wärst wieder da und würdest mir die Entscheidungen abnehmen. Zum Glück hatte ich Freunde, echte Freunde, die mich unterstützten.

Heute funktioniert mein moralischer Kompass wieder soweit, dass meine Alarmglocken schrillen, wenn ich vom Weg abweiche. Das macht mich zwar auch für andere zu einem unerträglichen ethischen Klugscheisser, aber damit kann ich leben. Solange ICH mich an meine Prinzipien halte, bin ich im grünen Bereich.

So, das ist nun auch raus. Morgen gehts dann um die Freiheit, die du mir genommen hast.

Bussi

Dein alter Freund

 

 

Wo ist mein Scheissgeld?

Aye, Phil

Hier bin ich wieder, wie gestern versprochen. Ja, ich bin noch nicht fertig. Da gibts noch so einiges zu klären.

Kannst du dir vorstellen, dass ich heute in ein italienisches Modegeschäft ging, mir einen luftigen, hellen Sommeranzug kaufte und mit der Karte bezahlte – ohne auch nur eine Sekunde zu fürchten, die Karte könnte gesperrt sein?

Nun, das ist gelogen. Nein, nicht das mit dem Anzug und der Kartenzahlung. Aber das mit der Angst. Es ist jetzt siebzehn Jahre her, seit du ins Gras gebissen hast, und ich hab noch immer jedes verfluchte Mal ein ungutes Gefühl, wenn ich an einer Kasse oder einem Bancomaten die Karte benutze. Egal, wie viel ich verdiene, egal ob ich ein paar Stunden vorher meinen Kontostand gecheckt hab – die Furcht, vor einer Verkäuferin zu stehen und nicht bezahlen zu können, ist noch immer da.

Ich hab bis vor zwei Jahren noch immer sporadisch die verfluchten Schulden abbezahlt, die du angehäuft hast. Und das das war nur die Kohle, die wir anderen schuldeten. Das Geld, dass du mir schuldest, ist da noch nicht mal eingerechnet.

Ich hab mir erlaubt, mal eine kleine Rechnung zu erstellen, auch wenn ich weiss, dass du mir das nie mehr zurückzahlen wirst.

Also, ich bin von einem durchscnittlichen Konsum von 300 Franken täglich ausgegangen, habe netterweise die Wochen, in denen wir jeden Tag für ein paar Tausend Stutz Freebase verheizten, weggelassen.

Gut. 300 Franken mal 30. Das sind rund 9000 im Monat. Im Jahr macht das dann 108 000 Franken. Und jetzt rechne das über 15 Jahre.

Yep. Du schuldest mir 1.5 Millionen. Und das ohne die von dir verursachten Schulden, Arbeistausfälle etc. Nur der reine Konsum.

Das wäre ein nettes kleines Häuschen für meine Familie und meine Hunde. Oder 5 Jahre Auszeit, um endlich mein Buch zu schreiben. Wenn du noch am Leben wärst, würde ich dir wohl bösartige Schuldeneintreiber auf den Hals hetzen. Auch wenn ich nicht erwartete, dass das was nutzen würde.

Also, ich machs hiermit offiziell: Die Schulden sind dir erlassen. Du hast Glück, dass ich nie besonders an Geld interessiert war.

So, ich geh jetzt nochmals mein Konto checken. Einfach zur Sicherheit.

Bis demnächst, bald. Da ist nämlich noch diese Sache mit der Moral.

Ciao Caro

Scheisslügner

Hallo Phil

Da bin ich wieder. Ich weiss, ich hatte dir für gestern einen Brief versprochen. Aber, shit happens, nicht? Ist ja nicht so, dass du es früher mit deinen Versprechen besonders genau genommen hättest …

Ich könnte dir jetzt erzählen, was mir alles schlimmes widerfahren ist, so dass ich dir deshalb nicht schreiben konnte. Du weisst schon, Hund hat Internet gefressen und ich musste stundenlang rumrennen, um ein neues zu organisieren. Die Geschichten, die du dir immer ausgedacht hast, um die Verantwortung auf jemand anderen abzuschieben. Kannst du dich erinnern, wie oft du irgendeinen Notfall erfunden hast, um irgendwem irgendeinen Scheissdreck aufzutischen?

Es hat mich immer wieder erstaunt, wie glaubwürdig du den hanebüchernsten Bullshit an die Leute bringen konntest. Diese Mischung aus Charme und Pathos, die unser Umfeld dazu brachte, dir auch noch die irrwitzigste Lüge abzunehmen. Grosses Kino.

Wie ich dich in der Bank vorliess, damit du der Dame am Schalter mit grossen Augen eine wahnsinnige Geschichte erzählen konntest, die uns einen weiteren Tausender Kredit einbrachte. Wie du vor unsere Mitbewohnerin hinstandest und mit grossen Augen und empörtem Ton beteuertest, dass wir keine Ahnung hätten, wo denn diese verfluchte Stereoanlage hingekommen sei. Und wenn du den Kerl erwischen würdest, der sie gestohlen hatte …

Ja, ich sehe, du erinnerst dich.

Aber weisst du was? Dass ich deine Lügen anderen gegenüber am Schluss ausbaden musste, ist nicht das, was mich am meisten verletzte. Am meisten schmerzt mich bis heute der Scheissdreck, den du mir erzählt hast.

Wie konntest du mir nur über Jahre weismachen, wir hätten das mit dem Gift im Griff? Wir hätten unsere Sucht, das Heroin, gewählt und kämen ganz gut zurecht? Wie konntest du mir selbst nachts in der psychiatrischen Klinik noch durch die Gitter im Fenster versichern, dass wir es besser wüssten, dass wir süchtig sein wollten.

Du liessest so aussehen, als ob unsere Sucht eine Art nobler Lebensstil wäre. Ich kann mich noch an das ganze Gewäsch erinnern. Wir, die Vampire, die Wesen der Nacht, die anstelle von Blut eben von diesem magischen Opiumderivat lebten. Wir, die Künstler, die wie alle grossen Geister, Kurt Cobain, Hendrix, Glauser und so weiter, weit über der Menschheit stünden, und eben den krass dunklen Pfad erhobenen Hauptes wandelten.

Ok, natürlich war das auch meine Schuld. Ich hab deinen Müll auch bereitwilligst geschluckt. Deine süssen Lügen haben mir einen Rest an Selbstachtung erhalten, den ich sonst wohl nirgends mehr hätte hernehmen können.

Selbst als unsere „Freunde“ wie die Fliegen abkratzten, an HIV, Überdosen, Blutvergiftungen und Autounfällen im Rausch krepierten, hast du mir das als Lifestyle verkauft.

Bis ganz zum Schluss. Bis ich den zerstörten, kaputten Junkie im Spiegel nicht mehr übersehen konnte. Bis mir klar wurde, dass ich, wenn ich dir noch ein Wort glauben würde, tot wäre.

Ja, Phil, du warst ein Scheisslügner. Aber ich muss dir lassen, du warst darin Weltklasse. Virtuos, verführerisch, kreativ. Und vielleicht wärst du wirklich einer dieser grossen Künstler geworden, wenn du deine Kreativität auf Kunst ausgelebt hättest. Aber natürlich wären wir dann beide tot.

Du siehst, ab dem Augenblick, in dem ich dein Wesen, deine Lügen, erkannt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als dich zu töten. Es hiess „Du oder Ich“. Ich kann von Glück reden, dass ich noch genug Kraft hatte, um dir in Notwehr den Garaus zu machen.

Ich bereue nichts. Naja, vielleicht, dass ich dir nicht schon ein paar Jahre früher den Saft abgedreht habe. Aber das war nicht möglich.

So, ich lass dich jetzt wieder da bei deinen toten Freunden. Melde mich. Demnächst. Ich versprechs.

*Augenzwinker*

Dein alter Freund

Hey, Arschloch …

Hey Phil

In meinem Brief von gestern wollte ich mich ja eigentlich bei dir bedanken. Aber, ey, zuerst mal muss ich meinen Kropf leeren, Arschloch.

Da sind so viele Sachen, die du in meinem Leben verschissen hast. Angefangen mit meinen Spielsachen, die du immer kaputt gemacht hast, kaum hab ich sie bekommen.

Was zu Teufel lief falsch mit dir? Kannst du dich noch an die Matchbox-Autos erinnern? Und daran, dass du es für eine gute Idee hieltest, sie mit Benzin und Feuerwerk in die Luft zu jagen? War ja nicht so, dass ich jede Wochen neues Spielzeug bekam …

Aber das war eigentlich nur Pipifax. Wirklich abgefuckt hast du alle meine Freundschaften und Beziehungen. Ok, ich muss zugeben, dass du mich oft vor Menschen beschützt hast, die mir Angst machten. Erwachsene und Kinder. Dafür, ok, danke ich dir.

Aber dann liefst du irgendwie aus dem Ruder. Du hast dich immer zwischen mich und Menschen gedrängt, mit denen ich eine Freundschaft oder eine Beziehung hätte eingehen können. Natürlich hatte meine Mutter auch ihren Anteil an meinem sozialen Manko. Aber die Hauptschuld geb ich dir.

Jedesmal hast du und deine grosse Klappe, deine Eifersucht, bewirkt, dass wir wieder isoliert wurden. Immer nur du und ich. Für dich war das kein Problem. Aber ich hab darunter gelitten. Vorallem, nachdem Urs den Löffel abgegeben hatte. Erstaunlicherweise hast du den zugelassen. Er war aber wohl auch eher dein bester Freund als meiner.

Ich staune auch noch heute, wie du es geschafft hast, Menschen gleichzeitig an uns zu binden und sie in der gleichen Minute zu betrügen, auszunutzen und zu ignorieren.

Kannst du dich an meine Liebesbeziehungen erinnern? Nicht so richtig, nicht wahr? Du hast es jedesmal geschafft, mich in Schwierigkeiten zu bringen. Du warst dabei, wenns gut lief, dann hast du irgendwelche Scheisse gebaut, und ich musste das dann meiner Partnerin erklären. Ja, zum Beispiel, als ich am Tag vor unseren ersten Ferien im Knast landete und meine Freundin mich auslösen musste, damit ich mitfahren konnte.

Ok, genug für heute, sonst reg ich mich nur wieder auf. Und ich will ja eigentlich endlich Frieden mit dir schliessen.

Also, bis morgen, mein liebster Feind. Dir wird ja nicht langweilig, da bei den Toten.

Lange nichts mehr gehört …

Hey Phil

hast lange nichts mehr von mir gehört. Ehrlich gesagt, das tut mir nicht mal besonders leid. Das Leben ohne deine dauernde Gegenwart ist um Welten besser.

Sorry.

Trotzdem spukst du immer mal wieder in meinem Kopf herum. Kunststück, bei dem grossen Teil an Vergangenheit, den wir teilen. Und obwohl ich ausserordentlich glücklich bin, dass du in meinem Leben nur noch als Erinnerung präsent bist, dachte ich, ich sollte mich mal bei dir bedanken.

Nicht, dass ich es bereue, dich umgebracht zu haben. Sorry. Anders ging es nicht. Aber trotdzem hat mich die Zeit mit dir einiges gelernt. Dinge, die ich heute ohne deine Hilfe niemals könnte.

Du musst zugeben, dass ich meistens in deinem Schatten lebte. Selbst lange bevor wir uns dem Heroin hingaben, warst immer du es, der die Aufmerksamkeit hatte, während ich aus dem Schatten die Geschichten erfinden musste, die du dann grossspurig meiner Mutter und den Lehrern erzähltest. Während du Scheisse bautest, war immer ich es, der die Folgen ausbaden musste. Als Freund und Vertrauter warst du wirklich Scheisse.

Und doch waren wir unzertrennlich. Und doch hast du mich mit deiner grossen Fresse und deiner Sorglosigkeit an Orte und in Situationen gebracht, die ich nicht missen möchte. Auch wenn ich immer den Preis dafür bezahlte.

Lange machte ich mir vor, du seist mein bester Freund. Ich war immer stolz auf dich und wie du Dinge brutal und rücksichtslos erledigen konntest. Erst kurz vor deinem Dahinscheiden konnte ich mir eingestehen, dass es Zeit war, uns zu trennen.

Natürlich wolltest du Scheisskerl nicht verschwinden. Kann ich verstehen. Aber es hiess damals eben: Du oder Ich. Die Ironie ist, dass deine Grosskotzigkeit, deine Rücksichtslosigkeit, deine Arroganz und deine Ignoranz es mir erst ermöglichten, mich von dir zu lösen.

Und du weisst genau, dass es nicht anders ging. Wir hätten keine lockere Freundschaft pflegen können. Du musstest weg. Für gut.

Nun, wie gesagt, in meinem Kopf bist du noch hin und wieder zu Besuch. Deshalb hab ich mich entschlossen, dir zu schreiben, Phil. Natürlich hab ich dich nie „Phil“ genannt. Eher „Philippe“. Und ich muss dir schreiben, da ich nicht weiss, ob du mir sonst zuhörst. Schliesslich kann ich nicht an dein Grab und da Selbstgespräche führen. Geht nicht.

So, dass ist mal der erste Brief. Ich denke, es werden noch einige folgen. Schliesslich haben wir viel zu besprechen. Zum Beispiel, warum du immer meine Spielsachen kaputtgemacht hast. Oder warum du deine eigenen Lügen glauben konntest.

Aber ich muss jetzt los, mein Leben geniessen. Ja, gemein nicht? Ein Leben, das ich ohne dich nicht hätte,und an dem du keinen Anteil haben kannst.

Ich schreib dir morgen wieder.

So long!